Das gelbe Zimmer

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Das gelbe Zimmer war wärmer als der Gang, doch Emmett konnte nicht fühlen, ob es wirklich die höhere Temperatur war oder nur die Wirkung der Tapeten und Möbel, deren trockene Gelb- und Orangetöne alles sanft verunschärfte.
Das Zimmer als Ganzes erschien als ein gemalter Kontinent in einem europäischen Haus: gelbe Seide an den Wänden, ockerfarbene Vorhänge, Keramikschalen mit orangenen geometrischen Mustern, eine Decke in Safran, Sand und Schwarz auf dem Bett, Kissen mit Stickereien, die zwischen nordafrikanischem Souk, äthiopischer Kirche und kolonialer Sammelleidenschaft schwankten. Auf einem niedrigen Tisch stand eine kleine Schale mit getrockneten Blüten, die nach Honig, Staub und etwas Harzigem rochen. Die gelben Handtücher und gelben Kacheln im Bad rahmten die Seife in einer Schale, deren Glasur wie Wüstensonne aussah.
Brian blieb auf der Schwelle stehen und sah sich um, als habe das Zimmer ihn persönlich zu einer Safari eingeladen.
Emmett trat vorsichtiger ein. Er hatte noch immer den Ausdruck eines Mannes, der im Speisezimmer möglicherweise nicht männlich genug Marys Anklage gegen Sun unterstützt hatte. Die gelbe Farbe machte ihn nicht fröhlicher. Sie machte ihn sichtbarer. Zumeist liebte er die Rolle als bunter, nicht ganz ernst zu nehmender Vogel, doch heute Abend wollte er ein Ritter sein, kein Hofnarr. Er hoffte, dass die Matriarchin das auch wirklich ernst nahm, die einzige ehrfurchtgebietende Person am Tisch neben dem Kardinal. Aber Sun hatte sich nicht gebeugt: Sie, die einzige, die zum Zeitpunkt des Mordes nicht bei der Gruppe war, hatte über Emmetts Ernst gelächelt.
Brian schloss die Tür ganz, wie Vittorio es verlangt hatte. Dann zog er sein Jackett aus und legte es über einen gelb gepolsterten Sessel.


„Ich möchte festhalten, dass dieses Zimmer aussieht, als hätte jemand Afrika auf einer Opernbühne bestellt und dann vergessen, das Libretto zu lesen. Ich habe nichts gegen Gelb, ich habe etwas gegen Häuser, die Kontinente wie Servietten falten. Trotzdem ist das Bett groß genug, und nach diesem Abend ist Funktion wichtiger als Authentizität.“
Emmett blieb mitten im Raum stehen. Er sah zum Bett, dann zur Tür, dann wieder zu Brian. Sein Blick war neugierig, erschöpft und voller schlechtem Gewissen, das sich noch nicht entschieden hatte, ob es bleiben oder fliehen wollte.
„Ich weiß nicht, ob du gerade Einrichtungskritik betreibst oder versuchst, nicht über Justin zu sprechen. Ich weiß auch nicht, ob ich in diesem Zimmer schlafen, beichten oder mich entschuldigen soll, denn alle drei Möglichkeiten wirken plötzlich gleich attraktiv. Und falls du vorhast, so zu tun, als wäre dieser Abend nur eine besonders exquisite Party mit Leiche, dann möchte ich wenigstens vorher wissen, welche Rolle ich darin spielen soll.“
Brian öffnete die Manschettenknöpfe mit jener gefährlichen Ruhe, die Emmett seit Jahren kannte und nie ganz richtig einschätzen konnte.
„Du sollst aufhören, so auszusehen, als schwanktest du zwischen Pfau und Aasgeier, weil du am Tisch Angst vor der Koreanerin hattest. Du hast sie verdächtigt, Wolfgang beleidigt bekommen und dann noch ritterlich Mary verteidigt. Das ist nicht schön, aber es ist auch kein griechisches Nationaldrama, und ich bin zu müde, um noch drei Stunden aus deiner moralischen Inventur zu hören, dass man die Kleine gleich an den Tisch hätte fesseln müssen, um weiter Morde zu verhindern.“
Brian drehte den Schlüssel im Schloss, bevor er das Hemd auszog. „Jetzt bist du sicherer.“
Emmett lachte nicht. Früher hätte er gelacht, damit Brian nicht merkte, dass ihn der Satz traf. Heute war er zu müde für alte Dienste.
„Ich habe Sun nicht nur verdächtigt, Brian. Ich habe den Verdacht gesellschaftsfähig gemacht, weil ich ein Held sein möchte und weil Mary Carson in diesem Moment wie die einzige Person wirkt, die noch weiß, wo es lang geht. Ich habe Wolfgangs Glaubwürdigkeit angegriffen, weil er ein russischer Kleinganove aus Berlin ist, ein gutaussehender Dieb, den ich sonst für irgendeine deutsch-polnisch-russische Themenfeier engagieren würde.“
Brian zog die Socken aus. Sein Blick ging kurz zur Tür, dann zurück zu Emmett.
„Du bist kein Scharfrichter, Emmett, und du bist auch nicht die Jungfrau von Orleans. Mary kann sich ganz gut auch ohne deine Schmeicheleien vor Bak retten. Du bist ein Mann in einem gelben Zimmer, der gleich entweder schlafen oder weiter reden will, aber ich fordere die dritte Möglichkeit, wenn wir schon hier eingesperrt sind.“
Emmett verstand sofort. Er wurde rot, nicht wie ein unschuldiger Junge, sondern wie ein erwachsener Mann, der eine Tür sieht, hinter der jemand lauschen könnte.


„Brian, ich bin neugierig, und ich wäre ein sehr schlechter Lügner, wenn ich so täte, als wäre ich das nicht seit Jahren. Aber Justin ist draußen in diesem Haus, und er sieht dich an, als wärst du zugleich ein Geliebter und eine Landschaft, die er nie fertig malen kann. Ich weiß nicht, ob ich damit leben kann, für dich nur ein Schlafmittel mit gelbem Rahmen zu sein.“
Brian kam näher; körperlich, als wäre Nähe eine Entscheidung, die nicht besprochen werden müsse, weil er allein sie trifft.
„Justin weiß, wer ich bin, auch wenn er manchmal malt, als könnte er mich dadurch verbessern. Ich liebe ihn nicht, weil ich mich plötzlich in einen Mann verwandelt hätte, der bei Kerzenlicht Treueschwüre in antiken Treppenhäusern murmelt. Ich will schlafen, Emmett, und mein Körper kennt bessere Wege in den Schlaf als Komplet, Mokka oder Gespräche über australische Erbschaftsverwüstung und afrikanische Wildtierromantik.“
Emmett wich nicht zurück. Seine Hände zitterten ein wenig, aber er blieb stehen.
„Das ist die unromantischste Einladung, die ich je bekommen habe, und sie ist leider genau so, wie man sie von dir erwarten musste. Ich will nicht der Mann sein, der Justin hintergeht, auch wenn ich genau weiß, dass du das Wort Hintergehen nicht benutzen wirst. Aber ich will auch nicht lügen: Ein Teil von mir möchte wissen, ob du aus der Nähe wirklich so unmöglich bist, wie du aus sicherer Entfernung wirkst.“
Brian legte eine Hand an Emmetts Hals, nicht als Besitz, eher als Prüfung des Pulses. Emmett atmete hörbar ein. Draußen im Garten fiepte ein Luchs, aber Emmetts Neugier war geweckt.
„Ich bin aus der Nähe schlimmer. Ich bin ungeduldig, nicht besonders fromm, und ich werde morgen früh nicht so tun, als hätten wir in diesem Zimmer nur Schafe oder Impalas gezählt.“
Emmett sah ihn an. Lange genug, dass die Entscheidung nicht leicht wirkte. Dann hob er die Hand und legte sie auf Brians Handgelenk.


„Ich brauche keine Liebkosungen, aber ich brauche einen Moment, in dem ich mir selbst nicht vormache, dass ich nur zufällig hier bin. Ich werde mich morgen vermutlich schämen, und ich werde Justin kaum ansehen können, ohne innerlich einen Orkan des schlechten Gewissens zu fühlen. Aber heute Nacht bin ich müde, verängstigt und lebendig, und vielleicht ist das eine gefährliche Mischung, aber keine unehrliche. Ich bin weder Pfau noch Aasgeier, gerade fühle ich mich eher wie die unentschlossene Taube vor der Schlange.“
Brian küsste ihn, um ihn zum Verstummen zu bringen. Es war ein Griff nach Gegenwart, schnell und trocken zuerst, dann länger, weil Emmett nicht so weich war, wie Brian erwartet hatte, und Brian nicht so kalt, wie Emmett gefürchtet hatte. Das gelbe Zimmer nahm sie auf, ohne zu verstehen, welche Art von afrikanischer Hitze ihm gerade anvertraut wurde.


Sie bewegten sich zum Bett, stolpernd, nicht elegant. Emmett lachte einmal gegen Brians Schulter, ein nervöser, kurzer Laut, den Brian mit einem zweiten Kuss erstickte. Kleidung fiel nicht dramatisch, sondern praktisch: Jackett, Krawatte, Schuhe, Hemd. Brian blieb in seiner Ökonomie, Emmett in seiner Verwunderung. Was dann geschah, war weniger Zärtlichkeit als Entladung, weniger Versprechen als ein Körper, der sich gegen die Nacht behauptete.
Zwischendurch, als sie Atem suchten, die Stellung wechselten und die gelbe Lampe zu hell wirkte, lag Emmett auf dem Rücken und starrte zur Decke. Brian saß neben ihm, die Hand auf seinem eigenen Knie, als sei er nach einem Lauf stehen geblieben, um sich neu zu orientieren.
„Wir müssen trotzdem über Bak reden, weil mein Gehirn offenbar selbst in horizontaler Katastrophe nicht aufhört, Mary unterstützen zu wollen. Die Koreanerin war allein im Hof, sie kann kämpfen, sie hat neben der Leiche gekniet, und ich hasse, dass Marys Verdacht von den anderen nicht so gewürdigt wird, wie er es verdient. Aber Bak hatte kein Motiv, und das macht die Sache hässlicher, weil ein guter Verdacht ohne Motiv wie ein perfekt gedeckter Tisch ohne Essen ist.“
Brian drehte den Kopf zu ihm. Er sah nicht belustigt aus. Das war bei Brian manchmal die höchste Form von Beteiligung.
„Musst du genau jetzt darüber reden? Bak hatte kein Motiv, soweit wir wissen, aber sie hatte die Möglichkeit und ist als Kampfsportlerin quasi selbst eine Waffe. Mary hatte kein Motiv und keine Möglichkeit, Meghan wahrscheinlich auch nicht, Justine vielleicht, und Fiona hat vermutlich mehr verdrängt, als dieses Haus in seine blauen Handtücher wickeln kann. Wenn die Koreanerin wirklich beteiligt wäre, müsste jemand sie bezahlt, überredet oder so in die Sache hineingezogen haben, dass sie nicht als Mörderin, sondern als Werkzeug funktioniert. Und jetzt dreh dich um, damit ich weitermachen kann!“


Emmett setzte sich halb auf und zählte die Strauße auf dem gelben Lampenschirm.
„Oder es war kein Mord, sondern eine dieser schrecklichen Situationen, die hinterher wie Mord aussehen, weil niemand den peinlichen Anfang erzählen will. Valeria könnte in den Hof gekommen sein, im Dunkeln, vielleicht betrunken, vielleicht auf der Flucht, vielleicht mit einer neuen Drohung im Mund, und Bak könnte ihr wie eine Torwächterin begegnet sein. Wenn Valeria sie bedrängt hat, körperlich oder sexuell oder nur in einer Weise, die die Koreanerin als Gefahr verstand, dann wäre eine Abwehr denkbar, die stärker ausfiel, als sie sollte.“
Brian hob eine Augenbraue. Erst, nachdem er Emmett in die richtige Position gedreht und seine Handlung fortgesetzt hatte, sagte er keuchend:
„Ich sage nicht, dass lesbische Frauen in Griechenland nachts aus Felsen springen und koreanische Bankieren belästigen, bevor mich dein innerer Zyniker anzeigt. Ich behaupte nur, dass wir Sebastienne bisher nur als Tote kennen. Wenn sie Bak im Dunkeln zu nahe kam, sie anfasste, bedrohte oder mit irgendeiner Mischung aus Begehren und Aggression überraschte, dann könnte die Bankierskungfuspezialistin sie abgewehrt haben, und aus berechtigter Abwehr wäre ein tödlicher Fall geworden.“
Brian keuchte eine Weile ohne Worte, bis er seinen Rhythmus gefunden hatte. Er dachte trotzdem an Bak, an ihren Blick, an die Art, wie Bogdanov als Leibwächter neben ihr saß, ohne ihr Liebhaber zu sein. Dann warf er den Kopf in den Nacken, nicht vollständig verneinend, eher prüfend und schnaufte genussvoll.
„Das ist die erste Theorie des Abends, die Bak nicht zu einer käuflichen Ninjakillerin macht und trotzdem erklärt, warum sie beim Körper war. Sie hat Schwächen, weil wir nicht wissen, wie die Tote lebendig von oben nach unten kam, warum die Tasche an der Mauer lag und weshalb die Koreanerin nicht einfach sagte, dass sie angegriffen wurde. Aber Scham ist ein ziemlich guter Grund zu schweigen, und das haben wir heute in verschiedenen Geschmacksrichtungen serviert bekommen mit und ohne brennendes Eis. Warte, so ist es besser!“ Er bugsierte Emmett auf den Rücken, sodass sich ihre Blicke treffen konnten.
Emmett sah ihn an. Der Gedanke an Scham brachte Justin wieder in den Raum, obwohl Justin nicht dort war.
„Du solltest jetzt sagen, dass Justin dir das nie verzeihen würde, damit ich es nicht allein denken muss. Du solltest auch sagen, dass ich gerade in einem Bett liege, in dem ich nicht liegen sollte, und trotzdem Kriminaltheorien entwickle, weil ich anders nicht mit dem umgehen kann, was wir tun. Ich wäre dir dankbar, wenn du für einen Moment der verantwortungsvolle Erwachsene wärst, aber ich weiß, dass ich damit im falschen Bett bin.“
Brian beugte sich über ihn. Sein Gesicht war sehr nah, aber seine Stimme blieb klar.
„Justin verzeiht nicht, weil ich brav bin, sondern weil er mich sieht, wie ich bin, und das ist schlimmer, falls du es poetisch brauchst. Du bist nicht hier, weil ich dich belogen habe, und ich bin nicht hier, weil ich Justin vergessen habe. Wir sind hier, weil das Zimmer zu gelb ist, Afrika zu heiß und manche Menschen zu sexbegeistert, um nicht zu schreien.“


Emmett antwortete nicht sofort. Dann zog er Brian zu sich, vorsichtiger als beim ersten Kuss, ohne die Bewegung zu unterbrechen.
„Dann schreien wir wenigstens nicht zu laut. Das gelbe Zimmer hat ohnehin schon genug kulturelle Missverständnisse gesehen, und ich möchte nicht, dass ein italienischer Kardinal, eine australische Tragödin oder ein kanadischer Maler an dieser Tür vorbeikommt und meinen Namen in einem Zusammenhang hört, der schwer zu erklären wäre. Außerdem habe ich trotz allem noch genug Anstand, um bei deinem Orgasmus nicht an Mary Carson zu denken.“
Brian lachte. Es war kurz und dunkel. Dann war das Lachen fort.
Was folgte, war direkt im üblichen pragmatisch-unromantischen Sinn. Es war konzentriert. Brian nahm, was er gesucht hatte: Atem, Rhythmus, Erschöpfung, das kurze Vergessen des Hauses. Emmett gab mehr, als er geplant hatte, weil Neugier manchmal keine kleine Flamme bleibt, wenn sie endlich Luft bekommt. Die gelbe Lampe mit den Straußenbildern warf warme Schatten über Schulter, Kissen und zerknitterte Decke. Draußen hielt der Gang den Atem an.
Justine kam vom Stiegenhaus zurück, weil Vittorio sie gebeten hatte, nachzusehen, ob im hinteren Gang alles ruhig sei. Sie hatte genug von Türen, aber die Nacht hatte offenbar beschlossen, dass gerade sie immer wieder vor ihnen stehen müsse.
Dann hörte sie Brian: Einen tiefen, unfreiwilligen Laut, der so eindeutig war, dass sie erstarrte, als hätte sie in eine fremde Umkleidekabine gesehen. Für einen Sekundenbruchteil wusste sie nicht, ob sie lachen, fliehen oder sich die Ohren zuhalten sollte. Dann wurde sie rot, was sie noch mehr ärgerte, weil niemand da war, um es zu sehen, und es trotzdem geschah.


Im Zimmer sagte Brian nach einer Weile etwas, heiserer als zuvor.
„Das war effizient. Ich würde es als therapeutische Maßnahme einreichen, aber die katholische Verwaltung hat vermutlich ein Formular dagegen. Schlaf jetzt, bevor du wieder über Schuld, die Koreanerin oder die Ausstattung dieses gelben Afrika-Zimmers nachdenkst.“
Emmetts Antwort kam gedämpft, aber deutlich genug durch die angelehnte Tür. Justine wollte gehen, blieb aber trotzdem.
„Ich kann nicht schlafen, wenn mein Kopf gerade eine Theorie aufgestellt hat, die zugleich vernünftig und entsetzlich peinlich ist. Wenn Sebastienne Bak im Dunkeln lesbisch bedrängt hat, vielleicht weil sie sie für eine leichte Beute hielt oder weil sie ihre eigene Gier mit asiatischem Begehren verwechselte, dann wäre die Koreanerin nicht wirklich Mörderin im juristischen Sinn, sondern eine Frau, die sich zu heftig gewehrt hat. Das würde erklären, warum sie so ruhig war: Nicht weil sie kalt ist, sondern weil sie gelernt hat, nach Gewalt zuerst zu meditieren.“
Justine stand im Gang und spürte, wie die Verlegenheit aus ihrem Gesicht wich. Die Worte hatten die gelbe Tür verändert. Eben war sie eine Grenze zu etwas Privatem gewesen, nun wurde sie wieder eine Quelle gefährlicher Wahrheit.
Brian antwortete müder, aber nicht gleichgültig.
„Vielleicht. Oder du willst Mary retten, weil du dich schlecht fühlst, die Koreanerin nicht genug beschuldigt zu haben, und ich will die Theorie mögen, weil sie ohne bezahlte Mörderlesben auskommt.“
Justine trat langsam zurück.


Sie hatte genug gehört, mehr als genug. Brians Körper, Emmetts Schuld, Suns mögliche Abwehr, Valeria nicht nur als Erpresserin, sondern als kommunistisch-lesbische Grenzverletzerin im Dunkeln? Das war noch eine neue Möglichkeit, die sogar anders roch als Marys fremdenfeindlicher Verdacht. Mehr nach Belästigungsanklage, weniger nach Samuraiangriff.
Sie kehrte zum Stiegenhaus zurück, leiser als sie gekommen war.
Unter Phädra und Hippolytos blieb sie stehen und richtete den Blick auf die wahnsinnig liebende Figur. War die Sebastienne eine solche Phädra? Aber was liebte sie: Besitz, junge Frauen, Kollektiveigentum, oder das Leiden von drei Generationen von Clearyfrauen? Sie hatte nicht lauschen wollen. Sie hatte wirklich nicht lauschen wollen. Aber dieses Haus gab seine Wahrheiten durch Schlüssellöcher, Türspalten und die Scham der Menschen, die glaubten, allein zu sein, preis.
Im gelben Zimmer wurde es stiller.
Emmett lag mit offenen Augen neben Brian. Brian hatte sich auf die Seite gedreht, bereit, endlich zu schlafen. Zwischen ihnen lag keine Liebe oder romantische Erinnerung, nur sanfte Nachbeben der Begegnung. Es gab aber auch keine einfache Schuld, nur einen komplexen, warmen, erschöpften, unordentlichen menschlichen Rest, der nicht recht in die Nachtordnung des Kardinals passte.
Nach einer Weile sprach Emmett noch einmal, sehr leise, aber mit drei klaren Sätzen, als müsse er sich selbst bezeugen.
„Ich werde Justin morgen ansehen müssen, und ich weiß noch nicht, welches Gesicht ich dafür brauche. Ich werde Bak ansehen müssen, und ich werde mich daran erinnern, dass ich sie fast zur Mörderin gemacht habe, bevor ich mir eine Lesbenselbstverteidigungsgeschichte vorstellen konnte. Und ich werde dich ansehen, Brian, und vermutlich feststellen, dass du noch immer du bist.“
Brian antwortete, ohne die Augen zu öffnen.


„Schlaf, Emmett! Morgen kannst du dich schämen, ordnen, entschuldigen oder mit mir noch eine kleine Morgenrunde drehen. Heute Nacht hast du genug geredet.“


Emmett drehte den Kopf zu ihm. Er lächelte schwach, obwohl Brian es nicht sah, sondern schon eingeschlafen war. Emmett schwieg und beobachtete die dunklen Schatten auf den gelben Untergründen.
Und unter dem gelben Licht der Nachttischlampe, in einem Zimmer, das Afrika spielen sollte und doch nur zwei erschöpfte Männer barg, wurde die neue Möglichkeit zu Baks Schuld um eine Alternative erweitert.

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